ochsenrennen in haunshofen






am 17.9.2009 veroeffentlicht im reiseteil der faz




Oh wie schön ist früher...

„Was machen diese Leute da?“ höre ich mich ins Telephon stottern, als die Photos vom Ochsenrennen in Haunshofen auf meinem Bildschirm erscheinen.
„Sie reiten halt Ochsen“, sagt Peter von Felbert am anderen Ende.
„Schon klar, aber warum tun sie das?“
„Keine Ahnung. Das ist so ein Brauch.“
„Verstehe.“ –
Peter von Felbert lebt seit über zwanzig Jahren in München, und fast ebenso lange beschäftigt er sich in seiner Arbeit mit dem Phänomen Bayern.
Geboren und aufgewachsen in Oberhausen, zwischen vom Kohlenstaub ergrauten Gebäuden unter dem smogtrüben Himmel des Ruhrgebiets der 70er, geht ihm von Haus aus jede Naturburschigkeit ab. Wenn dort sattes Grün Berge und Täler überzog, ehe es hinter eisbekrönten Gipfeln in stahlblauen Himmel umschlug, handelte es sich um eine Phototapete. Unter Bergleuten und Stahlkochern beschränkte Ackerbau sich auf Schrebergärtnerei, Viehhaltung auf Brieftauben- und Karnickelzucht. Peter von Felberts Blick auf Natur und das, was man „Brauchtum“ nennt, ist dementsprechend der des Städters, dem von Kleinauf die versiegelte Fläche als natürlicher Aggregatzustand des Untergrundes vorkam und dem infolge der gesellschaftlichen Verwerfungen des Industriezeitalters alle bäuerlich-regionalen Traditionen fehlen.
Am Anfang seiner photographischen Sichtung bajuwarischen Brauchtums standen denn auch ironische Distanz und der feste Wille zur Satire. Doch bereits in die ersten Serien, die er zu Beginn der 90er Jahre rund um das Oktoberfest und beim Tölzer Leonhardiritt aufgenommen hat, war unterschwellig etwas wie Sympathie eingesickert. Der Versuch, weißblaue Bierseligkeit allein mittels zielgenauer Beobachtung ihrer Selbstdemontage zu überantworten, schlug aus unerklärlichen Gründen fehl. Zusehends wurde der Abwehrreflex gegenüber in die Wirklichkeit kopierten Heimatfilmidyllen und erzreaktionärem Mir-san-Mir-Gehabe von dem Gefühl unterwandert, daß man nicht nach Hinterindien oder Schwarzafrika reisen mußte, um in der archischen Authentiziät befremdlicher Stammesrituale das geeignete Kontrastmittel für die Reflektion der eigenen Entwurzelung zu finden. Und auch wenn sich die Kluft dadurch nicht überwinden ließ, stellte sich doch eine Ahnung ein, wie die Standortbestimmung des Menschen in einem von Gott und seinem Gesetz geordneten Universum zu vormoderner Zeit vonstatten gegangen sein mochte.
Immer häufiger hat Peter von Felbert sich seither in die entlegenen Dörfer, abgeschiedenen Täler seiner Wahlheimat aufgemacht, um die sonderbaren Bräuche dieser nativen Kultur vor unserer Haustür mit der Kamera zu dokumentieren. Er war beim Goaßlschnalzen, beim Fingerhakln, beim Goasnabtrieb in Mittenwald, beim Bergfest in Kraxnbichl, um nur einige zu nennen. Zuletzt ist er beim Ochsenrennen in Haunshofen gewesen. Es findet alle vier Jahre statt, Ausrichter sind „D’Ochserer Haunshofen e. V.“, ein Verein, der gegründet wurde, um die Tradition des Ochseneinspannens vor dem Aussterben zu bewahren. Vor den eigentlichen Rennen findet ein Umzug statt, bei dem veraltetes Ackergerät von den Ochsen durchs Dorf gezogen wird. Die Blasmusik spielt zünftig auf, alle haben Trachten angelegt. Die Burschen sind stramm, die Madeln fesch, und der Feuerwehrmann sieht auf seinem roten Fahrrad aus, als wäre er der Bruder des Briefrägers Heini aus Uhlenbusch. Heuer ist der Himmel noch makelloser als vor vier Jahren. An die zehntausend Leute sind gekommen, um „der Gaudi“ beizuwohnen. Die prachtvollen Tiere sind der ganze Stolz ihrer Besitzer. Später werden sich Liebschaften anbahnen, die Alten beklagen die verlotterten Sitten, gegen Morgen kommt vielleicht eine kleine Schlägerei zustande: So war es früher, so ist es heute, so soll es in Zukunft sein. Das Fernsehteam irrt durch die Szenerie, als hätte der verantwortliche Redakteur bei Experimenten mit einer Zeitmaschine versehentlich die Rücklauftaste gedrückt.
Während ich die Photos betrachte, denke ich erstmals ernsthaft über die Möglichkeit nach, daß in Bayern womöglich die Bewahrung von Traditionen jenseits folkloristischer Maskerade geglückt sein könnte, daß das, was wir als Skeptiker aus der Ferne sonst bestenfalls belächeln, vielleicht doch etwas von der Ursprünglichkeit enthält, die uns in unserer Post- und Nachpostmodernen Zersplitterung abgeht.
„Und welcher Ochse hat gewonnen?“ frage ich Peter von Felbert, als ob das eine Rolle spielte.
„Heinze, der Träumer“, sagt er.
„Das glaub’ ich nicht.“
„Doch, ernsthaft.“
Einen kurzen Moment lang glaube ich tatsächlich, daß der Bayer ganz nah am Authentischen ist und sich dabei sogar noch einen natürlichen Sinn für Poesie bewahrt hat, begleitet von leisen Neid.
Doch dann erfahre ich, daß die Tradition des Ochsenrennes keineswegs bis in die Jungsteinzeit zurückreicht, nicht einmal bis ins 19. Jahrhundert: Sie ist gerade einmal 24 Jahre alt. Die erste Veranstaltung dieser Art fand 1985 statt – Jahrzehnte nachdem der letzte echte Zugochse vom Abdecker geholt und zu Seife verarbeitet worden ist – ein atavistisches Neo-Ritual, reine Volkstümelei, so ursprünglich wie der Musikantenstadl oder Schloß Neuschwanstein. Den sonntäglichen Ochsenrennen sind am Freitag die „Mega-Schaumparty mit DJ“ und in der Nacht zuvor die „Mega Ü30 Live-Party mit ROY und Guest“ voraus gegangen, am Montag wird ein Oldtimer-Treffen folgen und abends, als krönender Abschluß eine große Wahlkampfveranstaltung mit Horst Seehofer. Ein ähnliches Programm fände wahrscheinlich auch anläßlich des Jubiläumsjungtaubenpreisflugs der Brieftauben-Reisevereinigung Oberhausen statt, nur daß am Ende eher Franz Müntefering spräche.
Aber dann sehe ich mir doch wieder Peter von Felberts Bilder an, auf denen Menschen und Tiere sonderbare Dinge miteinander vollführen, Gesten und Blicke, die Hand einer Frau auf dem Rücken eines Ochsen, den wilden Galopp der Tiere: All das ist sonderbar aus der Zeit gefallen, aus der vermeintlichen Vergangengheit ebenso wie aus der vorgeblichen Gegenwart. Ein Spiel, mag sein, daß es Theater ist, Volkstheater, jedenfalls ein Kunstprodukt, aber – wie Picasso es auf den Punkt gebracht hat – „wir alle wissen, daß Kunst nicht die Wahrheit ist, Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt“: auf der Bühne, der Festwiese und auf den Bildern. Und unabhängig von allem, was man darüber denken mag, hat am Sonntag, dem 30. August 2009, dort in Haunshofen tatsächlich etwas stattgefunden, an dessen Ende vier Ochsen im Finale standen, und gewonnen hat „Heinze, der Träumer“ – das darf man nicht vergessen. Ein Text von Christoph Peters