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Die Welt der Trachten

Wer sich ernsthaft in den Jahreszyklus der bayerischen Trachtenvereine hinein begibt, stolpert über unterschiedliche Formen von Festtags-, Werktags-, Tanz- oder Trauertrachten, die sich nicht nur in Altbayern, Franken und Schwaben unterscheiden, sondern von Dorf zu Dorf, von Tal zu Tal und oft sogar innerhalb eines Ortes verschieden getragen werden. In Bad Tölz beispielsweise gibt es drei Trachtenvereine, die jeweils drei verschiedenen Gauverbänden, und damit anderen Dachverbänden zugehörig sind. Die „Isartaler“ gehören zum Gauverband I und orientieren sich mit ihrer Gewandung nach Traunstein hin, der „Trachtenverein Edelweiß“ zählt zum Loisachgau mit Sitz in Penzberg und die „Kirchstoana“ vom Oberländergau tragen die Miesbacher Tracht.
Ob bei der Festtagsversion der „Kittl“ (Rock) aus dunkelblauem Seidenbrokat ist, oder aus glatter schwarzer Seide, ob dieser Stoff um Hals und Rückenausschnitt mit Rüschen verziert ist, oder die Ärmel wattiert, diese Details unterscheiden die Miesbacher von der Tegernseer und der Maillinger Tracht. Zur Lenggrieser Festagstracht gehört ein Seidentuch mit Fransen um die Schultern, zur Berchtesgadener ein Hut mit zwölf Reihen goldener Hutschnur. Das Trachtenwesen scheint für Aussenstehende so verwirrend und unübersichtlich zu sein wie die EU Vorschriften für Landwirte. Für Eingeweihte ist aber auf den ersten Blick vieles sichtbar, zum Beispiel, ob eine Frau noch zu haben ist. Man braucht nur auf das Schalkgewand zu schauen. Denn nur Verheiratete dürfen das kostbare Gewand aus dunklem Seidenbrokat tragen. Es anzulegen kann leicht eine Stunde dauern. Die Braut trägt es zum ersten Mal bei ihrer eigenen Hochzeit. Es ist genug Stoffreserve für spätere Änderungen eingenäht, dass auch eine Bäuerin, die sechs Kinder und fünfzehn Enkel grossgezogen hat, immer noch in ihrem umgenähten Brautkleid aussieht wie eine würdige Königin. Wie die massangefertigte Lederhose ist das Schalkgewand eine Anschaffung für das ganze Leben. Mit allem Brimbamborium wie Tücher und Nadeln kann der Schalk, wie das Gewand genannt wird, leicht auf 3000 Euro kommen. Es ist ein Traum aus Rüschen und Handwerkskunst.
Aber ein Schmarrn ohne jeden historischen Hintergrund sei das mit der Schürzenschleife, erklärt Alexander Wandinger, Leiter des TrachtenInformationszentrums des Bezirks Oberbayern (TIZ) in Benediktbeuern. Es stimmt nicht, dass die Schleife bei verheirateten Frauen immer rechts gebunden wird, bei Ledigen immer links und bei einer Jungfrau vorne, amüsiert er sich. Wandinger weiß, wovon er spricht. Die Bestände im TIZ umfassen mehr als 4000 Original-Kleidungsstücke. Alexander Wandinger ist auch Autor des Buches „Tracht ist Mode“. Es gilt als Standardwerk. Nachfragen „kommen aus der ganzen Welt - aus Rosenheim, Köln und sogar aus Tokio“. Tracht boomt. Der Wissenschaftler weist jedoch darauf hin, dass auf historischen Bildern vom Oktoberfest Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in dunklen Kostümen zu sehen sind. Nicht in Trachten. Dirndl, wie wir sie heute „fast dogmatisch“ (Wandinger) in Bierzelten sehen, haben mit jahrhundertealter Tradition wenig zu tun. Seinen Ursprung hat das Kleidungsstück in einem einfachen Arbeitsgewand der Mägde, mit dem sie vor 200 Jahren ganz bestimmt nicht zum Oktoberfest erschienen wären.
1883 wurde in Bayrischzell von Josef Vogl und sechs Gleichgesinnten der erste bayerische Trachtenverein gegründet, dem viele weitere folgten. Heute sind in allen Regierungsbezirken unter dem Bayerischen Trachtenverband mehr als 850 Vereine, verteilt auf 22 Gauverbände, organisiert. Ihnen ist es zu verdanken, dass die prachtvollen Gewänder nicht verschwunden sind. Dabei waren Trachten in den Fünfziger und Sechziger Jahren so out wie heute die Landhausmode oder Moon Boots.

Das ist lange vorbei, freut sich Karl Schaffer, der ein Vierteljahrhundert aktiver Trachtler bei den „Birkenstoana“ und Schriftführer im dazugehörigen Dachverband, dem Loisachgau, war. In den dörflichen Trachtentanzgruppen, Brauchtums- und Heimatvereinen werden Dirndl und Lederhose mit viel Liebe zum Detail wieder stolz getragen. Auch um den Nachwuchs muss man sich keine Sorgen machen. In Trachten- und Schuhplattlergruppen verbringen über 100.000 junge Bayern ab dem 5. Lebensjahr Woche für Woche ein paar Stunden ihrer Freizeit. Anneliese Klinger, die 38 Jahre lang „Trachtenmutter“ (Jugendleiterin) bei den „Kirchstoana“ war, kümmerte sich darum, dass die Kinder und Jugendlichen beim Maitanz, der Frohnleichnamsprozession und Festzügen ordentlich „das Muihradl“ (Mühlrad) tanzten und anständig angezogen waren. Es sei faszinierend, sagt sie, wie sich Menschen verändern, sobald sie die Tracht anlegen. Selbst die Kinder strahlen Würde aus, wenn sie ihre Heimatgeschichte verkörpern.

Wie genau, darüber haben die örtlichen Vereine das Sagen, kein amtliches Register oder eine Heimatbehörde. Wenn sich ein Verein auf einen Look optisch festlegt, kann er sich mit den Jahren trotzdem deutlich wandeln. Beim männlichen Hutschmuck wird um jede Feder und jeden Gamsbart gerungen. „Roagaspitz“, eine Feder wie ein Hingucker, wird gemeinhin als „Reiherspitz“ aus dem Bayerischen übersetzt, ist aber keines Falls eine Reiherfeder aus bayerischen Jagdgebieten. Es ist die spitz zulaufende Feder eines Vogels namens Schlangenhalskopf und kommt meist aus Indien. Alexander Wandinger: „Ein fescher Kerl trug die Trophäe aus der Frauenmode erstmals um 1890.“ Diese Mode setzte sich durch. Karl Schaffers Verein muss entscheiden, welcher Hutschmuck nachfolgt, wenn man diese Federn nicht mehr bekommt, weil die Vogelart unter Naturschutz steht. Wahrscheinlich Gamsbart. Andere Vereine debattieren in ihren Sitzungen, welche Farbe die Maulbeerseide hat, mit der die Lederhosen bestickt werden: Mai-, Moosgrün, Beige, Gelb oder Weiß. Bei den Frauen musste man sich in den letzten fünfzig Jahren bereits wiederholt einigen, wie kurz der Rock sein darf. Heute, wo die Minimode Vergangenheit ist, misst er meist eine Masskrughöhe über dem Knöchel.

Das ist natürlich beim Billig-Dirndl und der Ramsch-Lederhose auf dem Oktoberfest nicht der Fall. Ahnungslose Träger denken sogar, ihr Party-Outfit entspricht oder entspringt einer regionalen Volkstracht. Erst seit der Münchner Olympiade 1972 sind Dirndl und München fest miteinander verzurrt. Die Verbandelung von Tracht und Oktoberfest ist also keine Gott gegebene Weisung. Es war eine Marketingmassnahme bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele alle Hostessen in Dirndl einzukleiden. Damals eroberte Chefhostess Sylvia Sommerlath in ihrer Dienstuniform den schwedischen Kronprinzen. Unsere Sylvia. Im Dirndl. In München. Alle waren aus dem Häuschen. Zwar konnte nicht jede junge Frau einen König heiraten, ein Dirndl aber war machbar. Und kleine Mädchen wurden seither noch öfter in Dirndl gesteckt. Vielleicht ist das der Grund, warum diese Frauen auch als Erwachsene so gern ein Dirndl anziehen?

Die moderne Legende mit der Schürzenschleife hat längst ein Eigenleben entwickelt. Auf der Wiesn ist die Schleife ein beliebter Flirt-Faktor, um ins Gespräch zu kommen, besonders, wenn sie links gebunden ist. Und dass Trachten auf dem Oktoberfest wieder so beliebt sind, gefällt sogar den bayerischen Trachtenvereinen. Wir dürfen nur nicht vergessen, mahnen Alexander Wandinger, Karl Schaffer und Anneliese Klinger, dass das Bild, das uns aus den Festzelten vermittelt wird, ungefähr so viel mit der Trachtentradition zu tun hat, wie Asterix und Obelix mit dem Leben der Gallier.

Text: Karin Lochner